Gleich nach dem Brenner beginnt das Prickeln im Bauch. Alles scheint plötzlich anders zu sein: das Licht verheißungsvoller, die Luft wärmer und der Puls langsamer.
Hier beginnt Italien, wie bereits Goethe auf seiner ersten Italienreise schrieb, nicht nur geografisch, sondern spürbar für Herz und Seele. Bereits am ersten „Autogrill" hinter der Grenze
wird die jahrhundertealte Italiensehnsucht der Deutschen mit einem italienischen Espresso gestillt. Auf dem Parkplatz setzen die Menschen ihre Sonnenbrillen auf, lesen die Begrüßungs SMS der italienischen Telekom und schnappen wissbegierig die ersten italienischen Worte auf. Jedes Jahr reisen fast zehn Millionen Deutsche nach Italien. Angefangen mit den Baby-Boomern nach dem Krieg, die mit dem VW-Käfer

über die Alpenpässe gen Sonne fuhren, prägt der Italien-Urlaub eine Generation nach der anderen.

Neben klassischen Urlaubsfreuden steht das Land für Lebensgefühl und Lebensart. Mit seinen heißen Ferraris oder Lamborghinis, gutem Wein und Essen und Mode von Versace, Prada und Gucci ist es bis heute der erfrischende Gegenentwurf zur deutschen Welt aus Mercedes, Bratkartoffeln, Birkenstock-Schuhen und Mode vom Otto-Versand. Dass Italien vielleicht doch nicht überall "Arkadien" (literarisch für friedliches und liebliches Land) ist, und mit organisiertem Verbrechen, sozialen Spannungen zwischen Nord und Süd und Korruption zu kämpfen hat, tut der Reiselust der Deutschen keinen Abbruch.
Laut italienischem Fremdenverkehrsbüro sieht die Hitliste der Reiseziele der Deutschen in Italien so aus: Venezien an der Adria die Nummer eins, danach die Emilia Romagna mit dem Badeort Rimini, der Gardasee und die Toskana. Immer beliebter wird dabei auch ein wahres Kleinod der Alpen, das auf der Durchreise oft „rechts" liegen gelassen wird.

BILDERBUCH DER KONTRASTE


Dabei ist die Region südlich der Alpen ein wahres Bilderbuch einer an Schönheiten und Kontrasten reichen Region. Von Ausflügen in kühle Bergtäler kehrt man zurück in das sommerlich
heiße Bozen, von der Einsamkeit der Almen gerät man hinein in die bunte Vielfalt der quirligen Städte. Was nach viel beschworenen Klischees aus Tourismusprospekten klingt, ist die Wahrheit: Das kleine Land südlich der Alpen ist ein Mikrokosmos mit einer Vielfalt, die kaum zu überbieten ist. Wo sonst gibt es drei Kulturen und Sprachgruppen, die im Lauf der Geschichte zusammengewürfelt wurden und nun seit Jahrzehnten großteils friedlich miteinander leben?
Kein Wunder, dass Touristen immer wieder verwundert feststellen, dass die mit ein paar Brocken Italienisch angesprochene Person auf Deutsch antwortet, obwohl Südtirol ja seit dem Friedensvertrag von St. Germain 1919 zu Italien gehört. Die deutschsprachigen Südtiroler leben vor allem in den Landgebieten und kommen auf einen Bevölkerungsanteil von ca. 65 Prozent. Die Italiener hingegen leben vorwiegend in den Städten, vor allem in Bolzano bzw. Bozen, wo Sie eine Mehrheit sind, während ihr Anteil an der Bevölkerung insgesamt 30 Prozent beträgt. Getreu dem Sprichwort "Aller guten Dinge sind drei" gibt es noch eine dritte Sprachgruppe: die Ladiner in den Dolomitentälern Gadertal und Grödner Tal. Ihre Kultur ist rätoromanischen Ursprungs, sie stellen ca. 5 Prozent der Südtiroler Bevölkerung. Verwirrend? Ja, aber gerade diese verschiedenen Kulturen und Einflüsse haben das Land seit jeher inspiriert und beispielsweise zu einer einmaligen Kombination aus leichter italienischer und deftiger österreichischer Kost geführt. So stehen Spagetti genauso wie Knödel auf dem Menü, Antipasti dürfen ebenso wenig fehlen wie süße Mehlspeisen. Andererseits ist die Zerrissenheit der Volksidentität zwischen Italien, Deutschland und Österreich auch verantwortlich für ein tief verwurzeltes Brauchtum.

TÖRGGELEN: BEI SPEIS' UND TRANK LÄSST SICH'S GUT LEBEN
Wenn der Herbst sein buntes Kleid über das Land geworfen hat, die Sonne warm, aber niedrig oberhalb der Felder und gelb leuchtenden Rebhänge steht und die letzten Kastanienigel von den riesigen Edelkastanienbäumen ins Laub gefallen sind, beginnt in Südtirols „Buschen schenken" die Törggelezeit.
In alten Bauernstuben werden dann süßer Most. junger Wein, geröstete Kastanien, Speck und Kaminwurzen und so manches einfache schmackhafte Gericht angeboten. Bei Speis und Trank und angeregten Gesprächen vergeht die Zeit wie im Flug und so manch fröhlicher Zecher schwankt leicht, wenn er aus der warmen Stube in die kühle Abenddämmerung tritt. Dies ist nur einer von zahlreichen Bräuchen im Land der Gebirge. Das ganze Jahr über locken Veranstaltungen wie das Bozner Speckfest, der Oswald von Wolkenstein Rin, die Gustav Mahler Musikwochen oder die Herz-Jesu-Bergfeuer Einheimische wie Touristen.

VOM SCHMELZTIEGEL DER REGION ÜBER DEN GARTEN EDEN BIS NACH MERAN


Für Reisende aus dem Norden ist Bozen die erste Station mit mediterranem Flair und mildem Klima. Hier laufen alle Fäden zusammen. Die Landeshauptstadt Südtirols fasziniert durch das pulsierende Leben am eleganten Waltherplatz mit dem gotischen Dom und in den malerischen Altstadtgassen und Laubengängen. Bereits Goethe schlenderte seinerzeit hier entlang und fand es ein wohlbehagliches Dasein. Hier hat Shopping noch eine andere Bedeutung:
Trachtenläden stehen neben italienischen Nobelboutiquen, daneben der traditionelle Obstmarkt, ein großes Kaufhaus sucht man vergebens. Zwischendurch kann man sich in ein Straßencafe setzen. das italienische „dolce far niente" genießen und die gotischen Fassaden und Rokoko Stuck-Häuser von unten betrachten. Hat man genug vom Stadtflair, kann man durch die umliegenden Obstwiesen und Weinberge, die im Frühling den gesamten Talkessel in ein Blütenmeer verwandeln, weiter auf der insgesamt 35 Kilometer langen Weinstraße nach Überetsch fahren.
Eppan, Kaltern und Tramin sind Ortsnamen, die besonders Weinliebhabern verheißungsvoll in den Ohren klingen. Vom April bis zur Törggelenzeit im Herbst zieht es Scharen von Urlaubern in die Hochburg des Weins. Bacchus hätte hier seine Freude gehabt: Weintrauben zum Greifen nah und wohin das Auge reicht. Der Kalterer See, der wärmste See der Alpen, ist nicht nur Namenspatron für den weithin bekannten Rotwein, sondern auch ein Paradies für Wassersportler. Daneben bietet das fruchtbare Tal auf der rechten Seite des Flusses Etsch Romantik und Mittelalterflair durch seine zahlreichen Burgen und Schlösser (insgesamt zählt Südtirol 130).
Ein ganz anderes Bild bietet Meran und seine Umgebung: Die klimatisch traumhafte Lage macht sich durch Palmen, Zitronenbäume und exotische Pflanzen, die man auf endlosen Promenaden bewundern kann, bemerkbar. Die botanischen Gärten um Schloss Trautmannsdorf sind dabei nur eines der Highlights. Das Vorurteil von der alten Kurstadt mit überalteter Klientel rückt langsam, aber sicher ins Land der Märchen, dafür sorgt beispielsweise die neue moderne Therme. Die Stadt, in der sich der europäische Adel die Klinke in die Hand gab, hat das ganze Jahr über seinen Charme und bietet vom Pferderennen über die bekannten internationalen Musikwochen bis hin zu reiner Bergluft auf Meran 2000 für jeden etwas.

 FINANZIELLES SCHLARAFFENLAND?

Bei aller Offenheit und Gastfreundlichkeit gelten die Südtiroler aber auch als stolze Landsleute. Sie sind sich der Schönheit und Besonderheit ihres Landes bewusst und beharren auf ihrer Selbständigkeit und Selbstverwaltung. Diese wurde ihnen in einem Autonomiestatut in den Siebziger Jahren sichergestellt. Sie verschaff den Südtirolern die Möglichkeit, sich frei auf wirtschaftlichem und kulturellem Gebiet zu entfalten und ist unter anderem dafür verantwortlich, dass Südtirol eine der reichsten Wirtschaft regionen Italiens und eine der Regionen Europa mit der geringsten Arbeitslosigkeit ist.
Auschlaggebend dafür sind aber vor allem die günstigen klimatischen und geografischen Vorteile. Haupteinnahmequellen der Bevölkerung auf dem Lande sind Tourismus, Landwirtschaft und Handwerk. In den Ballungszentren haben flexible Handels-, Dienstleistungs- und Industriebetriebe Wohlstand gebracht. Laut einer Statistik vom Landesinstitut für Statistik der Provinz Bozen vom Mai 2006 beurteilen 69,8 Prozent der Haushalte die finanziellen Mittel, die ihnen in den letzten zwölf Monaten zur Verfügung standen, als angemessen.

 

Ausflugstipps

1. Gärten Trauttmansdorff
Exotische Pflanzen aus aller Welt und typische Landschaften Südtirols auf 12 Hektar: Ein absolutes Muss!


2. Waalwege
Lauschige Waalwege ziehen sich entlang der uralten Bewässerungsanlagen am Vinschgauer Sonnenberg.


3. Geoparc Bletterbach
Was Kalifornien der Grand Canyon ist den Südtirolern ihre Bletterbachschlucht.


4. Seiser Alm im Schlerngebiet
Die größte Alm Südtirols bietet herrliche Wanderwege vor der Kulisse der Dolomiten.


5. Ötzi
Der Mann aus dem Eis ist im Archäologiemuseum in Bozen zu bewundern.


6. Messner Mountain Museum
Schloss Sigmundskron ist Herzstück des kürzlich vom berühmten Extrembergsteiger eröffneten Museums.


7. Therme Meran
Eine Wohlfühloase der Superlative im Herzen der Kurstadt.


8. Erdpyramiden
Durch Erosion entstandene Naturwunder, die man vor allem am Hausberg von Bozen, dem Ritten, bewundern kann, aber auch in anderen Teilen Südtirols.

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